Meine Internetgeschichte

Meine Internetgeschichte

Ein Versuch der Einordnung

Dieser Text erzählt meine Internetgeschichte. Sie beginnt in den 1990er Jahren mit Mailboxen, geht weiter in der Blogosphäre und endet bei meinen heutigen Projekten.

In den letzten Jahren habe ich oft darüber nachgedacht, wie lange ich schon im Internet bin und wie viele Projekte ich in dieser Zeit hatte. Viele Dinge sind über die Jahre entstanden, andere haben sich verändert oder sind verschwunden, wieder andere existieren bis heute. Ich habe viel darüber nachgedacht. Ich habe gemerkt, dass ich diese Geschichte selbst nicht so einfach verstehen kann.

Deshalb habe ich versucht, meine eigene kleine Internetbiografie noch einmal zu sichten und zusammenzufassen. Auch mit Hilfe von KI-Recherche, alten Spuren im Netz und meinen eigenen Erinnerungen. Nicht als lückenlose Chronik und nicht als wissenschaftliche Aufarbeitung, sondern als persönlicher Versuch, Linien sichtbar zu machen. Woher ich komme. Was mich geprägt hat. Warum manche Projekte nur Zwischenstationen waren und andere bis heute tragen.

Wenn ich mein digitales Leben auf einen gemeinsamen Nenner bringen müsste, dann wäre es vermutlich dieser: Ich war nie wirklich ein Plattformmensch. Mich haben immer eher eigene Räume interessiert. Eigene Seiten. Eigene Domains. Orte, an denen Inhalte nicht in einem Feed verschwinden, sondern bleiben dürfen. Orte, die sich über die Jahre verändern, aber nicht einfach in der Beliebigkeit des Augenblicks aufgehen.

Vor dem Web

Mailboxen, frühe Netzkultur und der Wunsch nach eigenen Räumen

Bevor das Web für mich überhaupt zu einem festen Ort wurde, trieb ich mich bereits in Mailboxen herum. Diese frühen digitalen Räume hatten eine ganz andere Textur als das spätere Internet. Sie waren kleiner, unmittelbarer, oft persönlicher und zugleich in ihrer technischen Begrenzung erstaunlich offen für Entdeckungen.

Dort begann im Grunde auch mein Gespür dafür, dass digitale Räume mehr sein konnten als bloße Technik. Schon damals reizte mich nicht nur die Verbindung, sondern das, was innerhalb solcher Systeme möglich wurde: Austausch, Texte, Ideen, kleine Gemeinschaften, eigene Codes und Atmosphären. Das Web hat diesen Impuls später nur erweitert und sichtbarer gemacht.

Als dann Mitte der 1990er Jahre die ersten eigenen Domains ins Spiel kamen, war das für mich deshalb nicht einfach nur ein technischer Schritt, sondern eine Art Konsequenz. Eigene Adressen bedeuteten auch eigene Räume. Räume, die nicht nur benutzt, sondern gestaltet werden konnten.

Die allerersten Domains

trpm.de und spheric.de als frühe Ausgangspunkte

Zu den allerersten Domains, die ich für mich beanspruchen kann, gehören trpm.de und spheric.de, beide seit etwa 1995 Teil meiner ganz frühen Webgeschichte.

Das ist rückblickend ein wichtiger Punkt, weil er zeigt, dass mein Verhältnis zum Internet sehr früh an eigene Webräume gebunden war. Nicht zuerst an Plattformen, nicht zuerst an soziale Netzwerke, sondern an Domains, die als eigenständige Orte gedacht waren. Diese Idee zieht sich im Grunde bis heute durch alles hindurch.

Später kamen dann viele weitere Domains hinzu. Über die Jahre waren es sicher mehr als zwei Dutzend. Manche davon dienten eigenen Projekten, andere waren Experimentierräume, wieder andere entstanden im Rahmen meiner Arbeit als Webdesigner für Kunden, für Ideen, für Konzepte oder als mögliche Ausgangspunkte für etwas, das sich erst entwickeln musste. Nicht alles davon war langfristig angelegt. Vieles war Ausdruck einer Lust am Ausprobieren. Der Wunsch, Neues zu testen, Themen voneinander zu trennen, Entwürfe sichtbar zu machen oder einem Gedanken einen eigenen Ort zu geben, war dabei oft genauso wichtig wie die praktische Arbeit für Aufträge und Projekte.

Heute lebt davon nur noch eine Handvoll wirklich weiter. Der Rest ist verschwunden oder nur noch als Spur im Netz vorhanden. Aber auch das gehört zur Wahrheit des offenen Webs: Es ist ein Raum der Spuren. Nicht jede Domain muss für immer sichtbar bleiben, um Teil der eigenen Geschichte zu sein.

Die frühen Jahre

Schreiben, Fantasie und die Prägung durch meinen Vater

Meine Beziehung zu Geschichten, Bildern und erfundenen Welten begann lange bevor das Internet in meinem Leben überhaupt eine Rolle spielte. Ein großer Einfluss war mein Vater Thomas R. P. Mielke.

Er war nicht nur Schriftsteller, sondern zuvor auch in der Werbung tätig, als Werbefachmann, Konzeptioner und Creative Director. Er kannte also sowohl die Welt der Ideen und Texte als auch die der Gestaltung, Dramaturgie und Verdichtung. Für mich war das prägend.

Bei ihm kamen mehrere Dinge zusammen, die mich später ebenfalls beschäftigt haben: Erzählen, Erfinden, Strukturieren, visuelles Denken, Tonalität, Haltung. Er schrieb Science-Fiction und historische Romane, bewegte sich mühelos zwischen Imagination und Recherche, zwischen Weltentwurf und sprachlicher Präzision. Gleichzeitig brachte er aus der Werbung ein Gespür für Wirkung, Klarheit und Gestaltung mit. Diese Verbindung von kreativer Freiheit und konzeptionellem Denken hat mich tief beeinflusst.

Schreiben, Geschichten entwickeln, Bilder im Kopf entstehen lassen – das war bei uns nie etwas Abstraktes, sondern Teil des Lebens. Rückblickend ist das wahrscheinlich der eigentliche Ursprung meiner späteren Arbeit im Netz. Nicht die Technik allein, nicht das Bloggen, nicht das Design, sondern zuerst einmal die Freude daran, Welten zu entwerfen und ihnen eine Form zu geben.

Yllmaryon

Mein früher Beweis, dass das Internet mehr sein konnte als Information

Eines meiner ältesten und für mich bis heute wichtigsten Projekte ist yllmaryon.de. Diese Seite gehört für mich ganz klar in die Frühgeschichte meines Internets. Nicht nur, weil sie sehr lange existiert, sondern weil sie einen Kern sichtbar macht, der mich bis heute begleitet: das Bedürfnis, im Netz eigene imaginative Räume zu schaffen.

Yllmaryon war nie einfach nur eine Website. Es war eine Welt, ein Zugang zu etwas, das weit über bloße Information hinausging. Es ging um Fantasy, um Geschichten, Figuren, Bilder, Geheimnisse, Atmosphäre. Um das Eintauchen in einen Raum, den man gemeinsam mit anderen betritt und weiterentwickelt. Genau das wurde schon früh von außen wahrgenommen.

Besonders wertvoll sind für mich die Hinweise, die damals von außen kamen und die heute wie kleine Zeitkapseln wirken:

„Es geht um Fantasy, um Leute, die eintauchen in Welten aus schillernden Worten und Bildern und gemeinsam mit anderen große Geheimnisse entschlüsseln. Nichts weiter als ein Spiel, aber ein faszinierendes.“
Zitty – Das Berliner Stadtmagazin

Und auch:

„… Eintauchen in eine phantastische Welt: Das ist Yllmar’yon – unsere Webseite der Woche.“
Bayern 3, 13. Oktober 2001

Solche Sätze bedeuten mir rückblickend viel, weil sie etwas benennen, das für frühe persönliche Webprojekte nicht selbstverständlich war: dass dort nicht nur eine private Spielerei stattfand, sondern ein eigener ästhetischer und erzählerischer Raum wahrgenommen wurde.

Yllmaryon ist für mich deshalb weit mehr als eine alte Station. Es zeigt, dass meine Internetgeschichte nicht mit Blogs, Social Media oder digitalem Marketing beginnt. Sie beginnt früher. In einer Zeit, in der das Web für mich vor allem ein Ort war, an dem man Welten bauen konnte. Nicht, um Reichweite zu erzeugen, sondern um etwas sichtbar zu machen, das es vorher nur als Vorstellung gab.

Gerade darin steckt für mich bis heute etwas Wesentliches: Das frühe offene Web war nicht nur technisch spannend. Es war ein Raum für Haltung, Atmosphäre, Phantasie und Langform. Für Seiten, die nicht bloß funktionierten, sondern eine eigene Seele hatten.

trpm.de

Eine Website, die meinen Vater und mich verbindet

Eine ganz besondere Rolle spielt bis heute trpm.de. Diese Seite entstand bereits 1995 gemeinsam mit meinem Vater. Das ist aus heutiger Sicht kaum zu überschätzen. Damals war das Web noch jung, vieles improvisiert, vieles tastend, vieles offen. Aber schon damals war uns klar, dass das Internet ein Ort sein könnte, an dem sich Werk, Gedanken und Texte nicht nur abbilden, sondern über lange Zeit zugänglich halten lassen.

trpm.de war damit nicht einfach nur eine Autorenwebsite. Sie war von Anfang an auch ein gemeinsames Projekt, ein Stück digitaler Aufbauarbeit, das Literatur, Persönlichkeit und technische Neugier miteinander verband. Dass ich diese Seite heute weiterpflege, hat deshalb für mich auch eine emotionale Dimension.

Nach dem Tod meines Vaters im Jahr 2020 ist diese Aufgabe noch einmal wichtiger geworden. Seitdem pflege ich trpm.de weiter, halte Texte und Informationen zugänglich und versuche, sein Werk im Netz präsent zu halten. Das ist mehr als bloße Archivarbeit. Es ist auch eine Form von Erinnerung, Weitergabe und Verbindung.

Thomas R. P. Mielke war für mich nicht nur Vater, sondern in vielerlei Hinsicht auch ein Vorbild. Als Autor ebenso wie als kreativer Kopf. Er hat mir gezeigt, dass Ideen Arbeit brauchen, dass Fantasie Form braucht und dass Worte nicht nur Ausdruck, sondern auch Handwerk sind. Seine Laufbahn zwischen Werbung und Literatur hat mir sehr früh vor Augen geführt, dass Kreativität nicht eindimensional ist. Dass man erzählen, entwerfen, zuspitzen, inszenieren und denken kann, ohne sich auf nur eine Form festzulegen.

Wenn ich heute auf meine eigene Internetgeschichte schaue, dann sehe ich in trpm.de so etwas wie eine Brücke. Zwischen analoger und digitaler Welt, zwischen literarischer Prägung und technischer Praxis, zwischen Herkunft und eigener Entwicklung.

MOMWORX

Die Blogger- und Webdesignphase

Mit MOMWORX begann dann eine deutlich andere und öffentlichere Phase meines Lebens im Netz. Wenn Yllmaryon für das frühe imaginative Web steht, dann steht MOMWORX für die Zeit, in der das Bloggen, das Webdesign und die deutschsprachige Blogosphäre für mich zu einem zentralen Arbeits- und Denkraum wurden.

MOMWORX war ein Projekt, das sich in einer Phase entwickelte, in der Blogs gerade dabei waren, ein eigenes kleines Medienökosystem auszubilden. Technik, Gestaltung, persönliche Publikation, Suchmaschinen, Kommentare, Reichweite, digitale Selbstständigkeit – all das lief damals oft noch nicht sauber getrennt nebeneinander, sondern überlappte sich. Man probierte aus, schrieb, verlinkte, gestaltete, kommentierte, diskutierte. Und man begriff langsam, dass Blogs mehr sein konnten als digitale Tagebücher.

Für mich war MOMWORX in dieser Zeit ein wichtiges Feld. Dort liefen Webdesign, Blogging und die Auseinandersetzung mit dem digitalen Wandel zusammen. Es war eine Phase, in der ich vieles ausprobiert habe und in der das Netz noch eine andere Textur hatte als heute: offener, kleinteiliger, stärker von Einzelstimmen geprägt.

Dazu gehörte auch Trigami, also die frühe Form von Blogkampagnen und bezahlten Reviews. Ich war dort aktiv und habe aus nächster Nähe erlebt, wie sich Blogs langsam professionalisierten, wie Reichweite und Sichtbarkeit plötzlich wirtschaftlich relevant wurden und wie sich daraus neue Möglichkeiten, aber auch neue Spannungen ergaben. Heute blickt man auf diese Zeit fast nostalgisch zurück, aber damals war sie hochdynamisch.

MOMWORX war dabei sicher kein klassischer Journalismus und auch keine rein private Spielwiese mehr. Es war Teil jener Zwischenzone, in der Bloggen zu einem ernstzunehmenden publizistischen und wirtschaftlichen Feld wurde. Genau deshalb bekam die Domain damals offenbar auch einen gewissen Wert.

Später habe ich momworx.de verkauft. Danach wurde die Domain, wie so oft im Netz, für völlig andere Inhalte genutzt. Der spätere Verfall in SEO- und Casino-Nähe ist ein fast lehrbuchartiges Beispiel dafür, was mit ehemals starken Domains passieren kann, wenn sie aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst werden. Für mich ist MOMWORX heute deshalb vor allem ein Stück Internetvergangenheit. Eine prägende Phase, aber keine, mit der ich mich in ihrer späteren Form noch identifiziere.

Das Buch der Blogger

Ein Projekt zwischen Blogkultur und greifbarer Kreativität

Zu dieser Phase gehört auch ein Projekt, das mir bis heute wichtig ist, weil es exemplarisch für den Geist der damaligen Bloggerszene steht: Das Buch der Blogger.

Die Idee war so einfach wie reizvoll. Bloggerinnen und Blogger sollten nicht nur digital publizieren, sondern gemeinsam an einem echten Buch arbeiten. Jede Person bekam eine Seite und konnte diese ganz individuell gestalten. Nicht mit Bits und Bytes, sondern mit Stift, Papier, Schere, Fotos, Zeichnungen, Collagen, Gedichten, Notizen oder kleinen Geschichten. Es ging also um ein Blog, das man anfassen konnte.

Am 15. Mai 2009 schrieb ich dazu:

„Wisst ihr eigentlich noch wie es war, als es noch keine Blogs gab? Als man noch mit Papier und Stift seine Gedanken niedergeschrieben hat?

Manche wissen das nicht? Nun Stifte sind diese Dinger hier. Aber ich glaube schon, dass ihr noch wisst wie das geht. Ich meine das mit dem Papier, dem Bleistift. Eben Dinge die man mit den eigenen Händen schafft: Eigene kleine Texte, Zeichnungen, Gedichte, Anmerkungen, Kritzeleien, ein Strichmännchen, ein Comic, eine Kurzgeschichte, ein Rätsel, vielleicht auch ein Foto?

Lust bekommen, das mal wieder auszuprobieren? Oder gar zum ersten Mal?

Dann lade ich euch hiermit ein, das “greifbare” Blog mitzugestalten. Ein Blog, welches man in die Hand nehmen kann, bei dem man nicht mit Bits und Bytes hantiert, sondern mit Stift, Schere, Foto seinen Händen und vor allem Kreativität.

Und weil es viele Bloggerinnen und Blogger machen sollen, nennen wir das dann einfach DAS BUCH DER BLOGGER.“

Die Grundidee war, dass das Buch von Blogger zu Blogger weitergeschickt wurde. Jede Person gestaltete genau eine Seite, dokumentierte diese auf dem eigenen Blog, schickte Fotos oder Scans ein und gab das Buch zusammen mit einem kleinen Geschenk an die nächste vertrauenswürdige Station weiter. Es war ein analoges Gemeinschaftsprojekt, das aus der digitalen Blogkultur heraus entstand und zugleich bewusst einen Gegenpol zur Flüchtigkeit des Netzes bildete.

Ich formulierte damals auch sehr klar, worauf es ankommen sollte: pfleglicher Umgang mit dem Buch, Respekt vor den Beiträgen der anderen, keine menschenverachtenden oder extremistischen Inhalte, keine Verwüstung des Objekts im Stil eines „Wreck this Journal“, sondern etwas, das mit Sorgfalt und Kreativität wachsen sollte. Die Vorstellung war, dass am Ende ein einzigartiges Objekt entstehen würde – ein greifbares Dokument einer lebendigen Bloggerszene.

Das Projekt fand in der damals sehr aktiven deutschsprachigen Blogosphäre spürbaren Anklang. Gerade deshalb ist es für mich rückblickend so interessant. Es zeigt, dass die Bloggerszene jener Jahre nicht nur aus Reichweite, Kommentaren, SEO und Technik bestand, sondern auch aus Spieltrieb, Gemeinschaftssinn und dem Wunsch, etwas Eigenes und Ungewöhnliches zu schaffen.

Leider scheiterte das Projekt am Ende an einem sehr menschlichen Problem: der Unzuverlässigkeit einiger Beteiligter, die das Buch nicht weiterreichten. Damit kam der Fluss irgendwann ins Stocken, und das Projekt wurde schließlich eingestellt. Das war schade, vielleicht sogar schmerzlich, weil gerade die Weitergabe der eigentliche Motor des Ganzen war.

Trotzdem bleibt Das Buch der Blogger für mich ein wichtiges Stück meiner Internetgeschichte. Es war ein Projekt, das die frühe Blogkultur sehr gut verkörperte: offen, verspielt, gemeinschaftlich, kreativ und nicht vollständig auf digitale Oberflächen reduziert. Vielleicht war es gerade deshalb so besonders.

SPHERIC

Der Versuch, mich neu zu sortieren

Nach MOMWORX kam mit spheric.de eine Phase der Neuorientierung. SPHERIC gehört, wie erwähnt, ebenfalls zu meinen allerersten Domains und war über viele Jahre Teil meines persönlichen Webkosmos. In der späteren Bloggerphase wurde die Domain dann zu einer Art neuem Ausgangspunkt.

SPHERIC war für mich kein bloßer Ersatz und keine Fortsetzung mit anderem Namen, sondern eher ein Übergang in etwas Neues. Wenn MOMWORX stark in die damalige Blogger-, Webdesign- und Vermarktungswelt eingebunden war, dann war SPHERIC bereits persönlicher, offener und weniger auf die äußere Mechanik des Bloggens ausgerichtet.

SPHERIC war in gewisser Weise ein Suchraum. Ein Ort für Gedanken über das Web, über Kreativität, über digitale Kultur. Weniger laut, weniger marketingnah, weniger funktional. Eher eine Art Zwischenstation, in der ich versucht habe, mich aus einer bestimmten Phase des Internets herauszubewegen und eine andere Form des Schreibens und Veröffentlichens zu finden.

Diese Zeit fiel auch mit einem Wandel des Netzes zusammen. Social Media wurde immer dominanter. Viele Menschen verlagerten ihre Energie von Blogs auf Plattformen. Inhalte wurden kürzer, flüchtiger, algorithmischer. Aufmerksamkeit begann sich anders zu verteilen. Man merkte plötzlich sehr deutlich, dass das offene Web nicht mehr selbstverständlich das Zentrum war.

Ich war dieser Entwicklung gegenüber früh skeptisch. Besonders sichtbar wurde das 2013 in meinem Kommentar auf Spreeblick unter dem Text „2013: Das Web zurückerobern“. Dort schrieb ich unter anderem:

„Warum nutze ich nicht mein Blog, meine Domain um Geld zu generieren, warum verschenke ich meine Kreativität an Facebook oder Instagram …?“

Und wenig später verdichtete ich das noch einmal in eine kurze Reihe von Begriffen, die mich bis heute begleiten:

„Mich interessiert mehr die Qualität als die Quantität.
Substanz.
Relevanz.
Originalität.
Meinung.
Haltung.
Diskussion.“

Wenn ich heute auf diesen Kommentar schaue, dann wirkt er fast wie ein kleines Manifest. Nicht, weil darin schon alles fertig formuliert wäre, sondern weil dort ein Grundgefühl sichtbar wird, das mich bis heute prägt: dass Inhalte einen Ort brauchen, der ihnen gerecht wird. Dass Kreativität nicht vollständig in Plattformlogiken aufgehen sollte. Und dass es einen Unterschied gibt zwischen bloßer Sichtbarkeit und wirklicher Substanz.

SPHERIC war deshalb vielleicht weniger ein großes Projekt als vielmehr ein notwendiger Schritt. Eine Art Brücke zwischen der alten Blogszene und dem, was später mit Burgturm klarer Form annahm.

BURGTURM

Die konsolidierte Form meines Schreibens im Netz

Mit burgturm.de entstand schließlich das Projekt, das heute am deutlichsten für meine Arbeit im Netz steht. Wenn ich auf meine verschiedenen Seiten schaue, dann ist BURGTURM diejenige, in der sich die meisten Linien bündeln: mein Interesse an Kultur, an Geschichten, an historischen Räumen, an Architektur, an Literatur, an digitaler Kultur und an der Frage, wie man all das auf einer eigenen Domain in einer Form zusammenführt, die tragfähig ist.

BURGTURM begann ursprünglich aus meiner Faszination für Burgen, Geschichte und Architektur. Der Name war also zunächst sehr konkret. Er war mit dem Motiv des Turms, des Beobachtens, des Rückzugs und der historischen Form verbunden. Zugleich spielte das Burgenblogger-Projekt eine wichtige Rolle. Ich war 2015 einer der Finalisten des Burgenblogger-Castings, was diese thematische Ausrichtung noch verstärkte.

Im Laufe der Jahre hat sich BURGTURM jedoch deutlich erweitert. Aus dem ursprünglichen Burgen- und Architekturinteresse wurde nach und nach ein persönliches Journal über Bücher, Comics, Games, Gestaltung, digitale Kultur und Orte. Gerade diese Entwicklung ist für mich wichtig, weil sie zeigt, dass BURGTURM nie statisch war. Die Seite ist gewachsen, hat sich geöffnet, hat Phasen durchlaufen und ist trotzdem ihrer Grundidee treu geblieben: ein eigener Raum zu sein, der nicht beliebig ist.

Heute ist BURGTURM für mich wohl am ehesten das, was man ein persönliches Kulturjournal nennen könnte. Kein Nachrichtenangebot, kein rein privates Tagebuch, kein klassischer Rezensionsblog. Sondern ein Ort, an dem Themen zusammenfinden, die mich seit langem beschäftigen. Oft essayistisch, oft reflektierend, manchmal sehr persönlich, manchmal klar thematisch, aber fast immer mit dem Versuch, über das bloß Flüchtige hinauszugehen.

Wenn ich nach dem inneren Kern von BURGTURM gefragt würde, dann wäre es vielleicht genau das: ein digitaler Ort für Substanz, Atmosphäre und Haltung.

Die Reiseblogger-Phase

Als Orte, Städte und Regionen Teil meiner Arbeit wurden

Zwischen etwa 2014 und 2019 entwickelte sich BURGTURM zeitweise auch stark in Richtung Reise- und Destinationsblog. Diese Phase gehört unbedingt zu meiner Internetgeschichte, auch wenn sie heute nicht mehr im Vordergrund steht.

Ich war in diesen Jahren in mehrere Bloggerprojekte, Kooperationen und Reiseformate eingebunden. Dazu gehörten unter anderem Orte und Regionen mit Fokus auf Fachwerk, zum Beispiel Braunschweig, Goslar, Wolfenbüttel, Einbeck, Quedlinburg, Hildesheim, Celle, Ulm und der Teutoburger Wald.

Später kamen weitere Stationen und Reiseerfahrungen hinzu, etwa im Zusammenhang mit dem Titel „Blogger des Jahres 2018“ von A-ROSA, außerdem zahlreiche Hotels und weitere interessante Destinationen.

Wichtig ist mir dabei eine bestimmte Einordnung: Ich war nie der klassische Travel-Influencer. Mich haben weniger die standardisierten Muster des Reisebloggings interessiert, also Hoteltipps, Checklisten, Rankings oder das permanente Selbstmarketing über Bilderwelten. Mich interessierten Orte vor allem dann, wenn sie Geschichten erzählten. Wenn sich dort Architektur, Atmosphäre, Geschichte, Landschaft und Kultur verdichteten.

Genau deshalb passten viele dieser Kooperationen auch zu meinem Blick. Städte wie Braunschweig oder Goslar, Regionen wie der Teutoburger Wald oder burgennahe und historisch geprägte Orte waren für mich nicht einfach Reiseziele, sondern erzählerische Räume. Orte, an denen sich Vergangenheit, Gegenwart und persönliche Wahrnehmung überlagern.

Rückblickend war diese Phase für mich sehr wertvoll. Sie hat mir viele Begegnungen ermöglicht, viele Eindrücke, viele Texte. Gleichzeitig merkte ich mit der Zeit, dass mich nicht das klassische Reisebloggen als Format interessiert, sondern das Schreiben über Orte. Über ihre Textur, ihre Geschichte, ihre Stimmung. Das ist ein Unterschied, und wahrscheinlich erklärt er auch, warum ich mich später wieder stärker aus diesem Bereich zurückgezogen habe.

Social Media

Warum ich mich nie wirklich dort zu Hause gefühlt habe

Ein weiteres wichtiges Kapitel meiner Internetgeschichte ist meine Haltung zu Social Media. Oder genauer: meine zunehmende Distanz dazu.

Natürlich habe auch ich Plattformen genutzt. Twitter eine Zeit lang gern, Facebook zeitweise intensiver, Instagram mit Skepsis, andere eher am Rand. Aber ich habe mich dort nie wirklich dauerhaft zu Hause gefühlt. Vielleicht, weil ich zu sehr aus einer anderen Netzlogik komme. Aus einer Zeit, in der Inhalte zuerst auf einer eigenen Seite erschienen und nicht zuerst in einem System, das über Sichtbarkeit, Reaktion und Datenverwertung funktioniert.

Schon früh war mir unbehaglich, wie stark Social Media dazu verführt, Inhalte zu beschleunigen, zu verkürzen und in Metriken zu denken. Wer wird gesehen, wer reagiert, was funktioniert, was bekommt Reichweite. Das alles erzeugt eine Form von Druck, die oft mit dem eigentlichen Inhalt nur noch bedingt zu tun hat.

Meine Skepsis dazu war nie rein moralisch. Sie war eher strukturell. Plattformen gehören einem nicht. Sie bestimmen über Formate, Sichtbarkeit, Haltbarkeit und Regeln. Eigene Domains tun das nicht. Dort kann ich selbst bestimmen, was erscheint, wie etwas erscheint und in welchem Zusammenhang es bleibt. Genau das hatte ich 2013 auf Spreeblick schon formuliert. Und genau deshalb gilt es für mich im Grunde bis heute.

Ich habe in den letzten Jahren immer klarer gemerkt, dass mich Qualität, Tiefe und Eigenständigkeit mehr interessieren als Reichweitenlogik. Dass mich ein stillerer, aber tragfähigerer Raum mehr anspricht als die ununterbrochene Selbstveräußerung in sozialen Netzwerken. Deshalb erscheinen meine eigentlichen Inhalte bis heute fast immer zuerst – oder ausschließlich – auf meinen eigenen Seiten.

Wenn es eine Ausnahme gibt, dann ist sie aktuell Kleinberge. Aber auch dort ist Social Media für mich eher Verlängerung als Zentrum.

Waldlandmeer und Kleinberge

Neue Räume, neue Rhythmen

In den letzten Jahren sind weitere Projekte hinzugekommen, die mein Themenspektrum noch einmal erweitert haben.

waldlandmeer.de steht für Natur, Landschaft, Reise und Wahrnehmung. Es ist ein ruhigeres Projekt, vielleicht auch eines, das stärker am Rand des Sichtbaren liegt, aber gerade deshalb in meinem Domain-Kosmos einen eigenen Platz hat. Nicht jede Seite muss laut sein, um wichtig zu sein. Manche Projekte sind eher Resonanzräume für bestimmte Themen, die anderswo keinen passenden Ort hätten.

kleinberge.de wiederum ist aus einem ganz anderen Impuls entstanden. Modellbau im Maßstab H0, Miniaturwelten, Landschaft, Gebäude, Atmosphäre im Kleinen. Das Projekt entwickelte sich während der Pandemie zu etwas Eigenständigem und wurde mit der Zeit immer stärker. Vielleicht, weil es zwei Dinge verbindet, die mich ohnehin seit langem begleiten: den Blick für Räume und den Wunsch, Welten zu gestalten.

Kleinberge ist zugleich das Projekt, das heute am stärksten social-media-kompatibel ist und deshalb auch auf Instagram präsent ist. Das ergibt durchaus Sinn. Modellbau ist visuell, teilbar, gemeinschaftsnah. Aber auch hier bleibt mein Grundprinzip erhalten: Die Plattform ist nicht das eigentliche Zuhause, sondern nur eine zusätzliche Oberfläche. Das Projekt selbst bleibt an seine eigene Welt gebunden.

Was sich durch alles hindurchzieht

Wenn ich all diese Stationen betrachte – Mailboxen, trpm.de, spheric.de, Yllmaryon, MOMWORX, Das Buch der Blogger, BURGTURM, Waldlandmeer, Kleinberge und viele weitere Domains, die über die Jahre kamen und gingen –, dann sehe ich keine lineare Karriere und auch keinen Masterplan. Ich sehe eher verschiedene Phasen eines langen Weges durch das offene Web.

Es gab frühe imaginative Projekte. Eine Zeit des Bloggens und Webdesigns. Eine Phase stärkerer öffentlicher Sichtbarkeit. Reiseblogging und Kooperationen. Rückzüge, Neuorientierungen, thematische Verschiebungen. Und immer wieder neue Räume, in denen etwas ausprobiert oder weitergeführt wurde.

Was sich dabei erstaunlich wenig verändert hat, ist mein Grundgefühl für das Internet. Mich haben immer die Orte interessiert, an denen etwas bleiben darf. An denen etwas Form bekommt, ohne sofort vom Nächsten verdrängt zu werden. An denen sich Interessen, Haltungen und Themen im Laufe der Zeit verdichten können.

Vielleicht erklärt das auch, warum viele meiner Seiten noch existieren, während so vieles andere verschwunden ist. Nicht, weil sie besonders groß gewesen wären. Nicht, weil sie ständig maximal sichtbar waren. Sondern vielleicht gerade deshalb, weil sie nie nur auf den Augenblick hin gebaut wurden.

Schluss

Der eigentliche Kern meiner Internetgeschichte

Wenn ich heute versuche, meine eigene Internetgeschichte in einem Satz zusammenzufassen, dann vielleicht so:

Ich habe nie versucht, dem Internet hinterherzulaufen. Ich habe versucht, mir darin eigene Räume zu bauen.

Das ist wahrscheinlich der eigentliche Kern. Nicht die einzelne Domain, nicht die einzelne Phase, nicht das einzelne Projekt. Sondern die Idee, dass das Netz mehr sein kann als Plattform, Strom, Feed und Oberfläche. Nämlich ein Ort für gewachsene, eigenständige, gestaltete und inhaltlich ernst gemeinte Räume.

Yllmaryon war dafür ein früher Beweis. trpm.de eine familiäre und literarische Verbindung über Jahrzehnte hinweg. MOMWORX eine prägende Phase der Blog- und Webkultur. Das Buch der Blogger ein Versuch, digitale Kreativität wieder greifbar zu machen. SPHERIC eine notwendige Zwischenstation. BURGTURM die bis heute tragfähigste Form meines Schreibens und Denkens im Netz. Waldlandmeer und Kleinberge neue Verästelungen, die zeigen, dass solche Räume auch später noch entstehen können.

Vielleicht ist genau das das Schönste an dieser Geschichte: dass sie nicht abgeschlossen ist.

Ergänzende Artikel:

Das Titelfoto ist eine der vielen beeindruckenden Erinnerungen an meine Norwegen-Reise.


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