Mike Oldfield mochte ich schon früh. Seine Musik war einfach da. Auf Platten, im Radio, auf Kassetten, später auf CDs. Manches davon war groß und ausufernd, manches fast seltsam leicht. Später habe ich ihn auch live gesehen. Nicht wegen eines einzelnen Hits, eher wegen dieser eigenen Welt, die seine Musik immer hatte.
Und dann gibt es Moonlight Shadow.
Der Song erschien 1983 und war sofort einer dieser Titel, die man nicht lange erklären musste. Maggie Reillys klare Stimme, dieser Gitarrenlauf, der treibende Rhythmus. Das lief im Radio, auf Feiern, irgendwo im Hintergrund, manchmal auch ganz vorne. Wir haben damals dazu getanzt. Wahrscheinlich ohne groß über den Text nachzudenken. Es war ein heller Song. Beweglich, eingängig, sofort da.
Erst viel später habe ich genauer hingehört.
Dann kippt etwas. Denn der Text erzählt keine leichte Geschichte. Da wird jemand erschossen. Eine Frau bleibt zurück, sucht, erinnert sich, bekommt den Mann nicht wieder. Nacht, Schüsse, Verlust. Das ist alles da, nur liegt es nicht offen auf der Oberfläche. Die Musik trägt einen darüber hinweg.
Genau das macht Moonlight Shadow für mich heute so interessant. Der Song klingt nicht wie Trauer. Er klingt eher, als würde jemand weiterlaufen, obwohl längst etwas passiert ist. Vielleicht hat mich das früher gerade deshalb nicht erreicht. Man hört die Stimme, den Refrain, den Rhythmus, und übersieht, wie dunkel die Geschichte eigentlich ist.
Oft wurde der Song mit der Ermordung von John Lennon in Verbindung gebracht. Diese Deutung steht im Raum, passt aber nicht sauber auf alle Details. Für mich muss sie das auch gar nicht. Moonlight Shadow wird nicht stärker, wenn man ihn auf eine eindeutige Erklärung festnagelt. Eher im Gegenteil. Der Song bleibt offener, unangenehmer, wenn er nicht nur als verschlüsselte Nacherzählung funktioniert.
Heute höre ich ihn anders als damals. Nicht weniger gern, aber mit mehr Störung im Ohr. Früher war es ein Song, zu dem man getanzt hat. Heute höre ich darin auch diese merkwürdige Gleichzeitigkeit: helle Melodie, dunkle Geschichte, Bewegung gegen Verlust.
Vielleicht ist das der Grund, warum er bei mir geblieben ist.
Nicht als bloßer Achtziger-Hit. Eher als ein Song, bei dem man erst Jahre später merkt, worauf man sich da eigentlich die ganze Zeit bewegt hat.
Das Foto habe ich nachts von unserem Hotel auf Kreta aus aufgenommen. Mond über dem Wasser, dunkle Küste, ein paar Lichter in der Ferne. Für diesen Text musste ich kein Bild suchen. Es war schon da.

