In den letzten Monaten stolpere ich immer wieder über einen Begriff: Small Web. Gemeint ist damit kein neues technisches System und auch keine Plattform. Gemeint ist eher ein Teil des Netzes, der lange selbstverständlich war: kleinere, persönliche Webseiten, Blogs und Homepages, die unabhängig von großen Plattformen betrieben werden.
In den frühen Jahren des Webs bestand ein großer Teil des Internets aus solchen Seiten. Viele Menschen betrieben kleine Homepages, Weblogs oder Projektseiten, die miteinander verlinkt waren. Inhalte verbreiteten sich nicht über algorithmische Feeds, sondern über Links, Empfehlungen und Blogrolls. Viele dieser Seiten waren schlicht gestaltet, aber sie hatten eine klare Stimme.
Heute taucht diese Idee unter verschiedenen Namen wieder auf. Neben Small Web wird häufig auch vom IndieWeb gesprochen. Dahinter steht die Vorstellung, Inhalte wieder stärker auf eigenen Webseiten zu veröffentlichen, statt sie ausschließlich Plattformen zu überlassen. Eine eigene Domain bedeutet, Kontrolle über Texte, Bilder und das eigene Archiv zu behalten. Inhalte sind nicht nur Teil eines Feeds, sondern Teil einer eigenen Seite.
Ein weiterer Begriff, der in diesem Zusammenhang häufig genannt wird, ist Enshittification. Der Autor Cory Doctorow beschreibt damit ein Muster vieler Plattformen. Dienste wirken zunächst attraktiv für Nutzer, bevor sie zunehmend auf Werbung, Monetarisierung und algorithmische Steuerung ausgerichtet werden. Für Inhalte bedeutet das oft weniger organische Sichtbarkeit und mehr Konkurrenz um Aufmerksamkeit.
Gleichzeitig verändert sich das Netz gerade wieder. KI-generierte Inhalte, automatisierte SEO-Seiten und algorithmisch sortierte Feeds sorgen dafür, dass immer mehr Material im Umlauf ist, aber oft weniger erkennbare Stimmen. Gerade kleinere Webseiten wirken in diesem Umfeld manchmal wieder wie ein Gegenmodell: langsamer, persönlicher und weniger auf maximale Reichweite ausgerichtet.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Plattformen grundsätzlich problematisch sind. Netzwerke wie Instagram, TikTok oder Facebook erfüllen weiterhin wichtige Funktionen. Sie ermöglichen Austausch, Sichtbarkeit und schnelle Reichweite. Für viele Projekte sind sie ein zentraler Teil der Kommunikation.
Das Small Web verfolgt einen anderen Schwerpunkt. Es geht weniger um Reichweite und stärker um Besitz, Archiv und Perspektive. Eine eigene Website ist ein Ort, der nicht von Plattformregeln oder Feed-Algorithmen abhängig ist. Inhalte bleiben auffindbar, auch noch Jahre später.
In diesem Zusammenhang passt ein Blog wie Burgturm ganz gut ins Bild.
Die Seite ist kein Nachrichtenportal und auch kein klassisches Social-Media-Projekt. Sie funktioniert eher wie ein persönliches Kulturjournal. Texte entstehen aus Interesse an Literatur, Comics, Games, Gestaltung oder digitalen Entwicklungen.
Viele Beiträge sind eher Beobachtungen oder Essays als schnelle Reaktionen auf Trends. Mit der Zeit entsteht daraus etwas, das Plattformen nur schwer abbilden können: ein Archiv von Gedanken, Themen und Entdeckungen, die über Jahre hinweg zusammengewachsen sind.
Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ältere Blogformate derzeit wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen.
Ob es im Jahr 2026 sinnvoll ist, eine eigene Website zu betreiben oder sogar neu aufzusetzen, hängt stark vom Ziel ab. Wer vor allem Reichweite sucht, wird sie auf großen Plattformen meist schneller finden. Wer jedoch einen eigenen Raum im Netz haben möchte, unabhängig von Algorithmen oder Plattformlogiken, für den bleibt eine eigene Seite weiterhin eine sinnvolle Option.
Das Small Web ist deshalb kein Ersatz für Social Media, sondern eher eine Ergänzung. Plattformen sorgen für Sichtbarkeit und Austausch, während persönliche Webseiten langfristige Orte für Inhalte bleiben können.
Vielleicht liegt genau darin heute die Rolle solcher Projekte: nicht im Wettbewerb mit Plattformen, sondern als ruhiger Gegenpol. Orte, an denen Gedanken länger bleiben dürfen als ein paar Sekunden im Feed.

