Das erste Buch auf meinem PocketBook InkPad One

Das erste Buch auf meinem PocketBook InkPad One

Ich habe nun also einen E-Reader. Genauer gesagt: den PocketBook InkPad One. Er liegt seit ein paar Tagen hier, noch nicht ganz selbstverständlich, aber schon vertraut genug, um eine Frage auszulösen, die bei Büchern nie nur praktisch ist.

Welche Bücher lade ich darauf?

Wer Bücher liest, sammelt, behält und manchmal auch nur wegen eines Umschlags aus dem Regal zieht, kennt das Problem mit dem Platz. Irgendwann stehen Bücher nicht mehr nur im Regal. Sie liegen auf Tischen, neben dem Bett, auf Fensterbänken, in Kisten, in zweiter Reihe. Und trotzdem ist da immer noch ein Buch, das man gern hätte.

Ein E-Reader ist in so einer Situation eine Verlockung. Plötzlich passt eine kleine Bibliothek in ein flaches Gerät. Kein zusätzlicher Stapel. Kein neues Regalbrett. Kein Überlegen, ob das Buch noch irgendwo zwischen Romanen, Comics, Notizbüchern und Bildbänden Platz findet. Gerade unterwegs klingt das angenehm.

Trotzdem möchte ich das PocketBook InkPad One nicht einfach vollmüllen.

Ich möchte aus dem Reader keine digitale Abstellkammer machen. Kein Gerät, auf dem irgendwann dreihundert Dateien liegen, von denen ich achtzig Prozent nie wieder öffne. Keine Sammlung aus Leseproben, alten PDFs, vergessenen Handbüchern und Büchern, die nur deshalb mitkommen, weil es technisch möglich ist.

Der Reiz liegt für mich eher darin, den E-Reader bewusst zu füttern. Mit Büchern, die ich wahrscheinlich wirklich lese. Ganz genau kann ich das noch nicht wissen. Dafür ist der PocketBook InkPad One noch zu frisch hier. Vorher habe ich mich immer wieder mit digitalem Lesen beschäftigt, aber nie so, dass es selbstverständlich wurde.

Am PC lese ich keine Bücher. Der Rechner steht hier im Homeoffice, mit großen Monitoren, Tastatur, Maus, Kabeln und Ablenkung. Er ist ein Arbeitsgerät, manchmal auch ein Spielgerät, aber kein ruhiger Leseort.

Das iPad und das Microsoft Surface Pro kamen der Sache näher. Beide sind tragbar, beide können PDFs anzeigen, beide wirken auf den ersten Blick wie gute Lesegeräte. In der Praxis blieb für mich immer etwas dazwischen. Die Displays spiegeln. Die Geräte können zu viel. Beim Surface kommt noch dazu, dass es auf Dauer schwer wird und warm. Man hält kein Buch in der Hand, sondern ein kleines Arbeitsgerät, das gerade so tut, als wäre es eines.

Beim E-Ink-Reader ist das anders. Nicht magisch, nicht perfekt, nicht wie Papier, aber ruhiger. Das Display leuchtet einen nicht so an. Die Oberfläche will weniger von mir. Das Gerät fühlt sich nicht nach Arbeit an. Es liegt eher neben einem Buch als neben einem Laptop.

Also stellt sich nun die Frage: Was kommt auf den ersten E-Reader hier im Burgturm?

Wahrscheinlich nicht zuerst die Bücher, die ich als gedruckte Ausgabe besonders liebe. Es gibt Bücher, bei denen der Gegenstand dazugehört. Ein guter Einband. Eine bestimmte Typografie. Papier, das sich richtig anfühlt. Randnotizen. Gebrauchsspuren. Solche Bücher möchte ich nicht ersetzen. Sie stehen hier nicht aus Versehen im Regal.

Auch Bildbände gehören für mich nicht auf den E-Reader. Fotobücher, Kunstbücher, große Reisebände und aufwendig gestaltete Sachbücher leben vom Format. Von Doppelseiten. Vom Gewicht. Vom Blättern. Vom Abstand zwischen Auge, Hand und Papier. Auf einem E-Ink-Reader kann man vielleicht hineinsehen, aber es ist nicht dasselbe Lesen.

Anders sieht es bei Romanen aus. Gerade bei solchen, die ich unterwegs weiterlesen möchte. Ein Krimi, ein ruhiger literarischer Roman, ein Essayband, vielleicht auch ältere Texte, die ich nicht unbedingt als gedruckte Ausgabe besitzen muss. Bücher, bei denen der Text im Mittelpunkt steht und bei denen es mir nicht weh tut, sie digital zu lesen.

Auch lange Artikel und PDFs könnten einen Platz bekommen. Aber auch hier gilt: nur das, was ich wirklich lesen will. Keine digitale Papierhalde.

Comics und Graphic Novels sind schwieriger. Der große Bildschirm des InkPad One lockt natürlich. Schwarzweiß, klare Linien, nicht zu kleine Schrift, vielleicht Manga oder reduzierte Zeichnungen könnten funktionieren. Farbige Comics, große Seiten, feine Details und aufwendige Layouts gehören wahrscheinlich eher auf Papier, auf ein gutes Tablet oder irgendwann auf einen E-Reader mit Farbdisplay. Color-E-Ink könnte gerade für Comics spannend werden. Nicht als Ersatz für ein gedrucktes Album, aber als ruhigere Möglichkeit, unterwegs farbige Seiten zu lesen, ohne gleich wieder auf ein spiegelndes Tablet auszuweichen.

Beim PocketBook InkPad One geht es für mich erst einmal um Text. Um ruhiges Lesen. Um eine kleine digitale Reisebibliothek.

Das allererste Buch, das ich darauf geladen habe, war dann aber keine Auswahl nach Format, Lesbarkeit oder praktischer Vernunft.

Es war Das Sakriversum von Thomas R. P. Mielke.

Eines meiner Lieblingsbücher meines Vaters. Ausgezeichnet mit dem Kurd-Laßwitz-Preis 1984. Ein Buch, das für mich nicht einfach nur in eine digitale Bibliothek gehört, sondern in eine Familiengeschichte. In eine Kindheit mit Büchern. In ein Zuhause, in dem Schreiben nicht nur ein Beruf war, sondern Teil des Alltags. Manuskripte, Gespräche, Projekte, Papier, Veröffentlichungen, Ideen.

Dass gerade Das Sakriversum nun als erstes Buch auf dem PocketBook InkPad One liegt, fühlt sich richtig an.

Es schlägt eine Brücke, die ich nicht geplant habe. Von den Büchern meiner Kindheit zu den gemeinsamen Projekten später. Von seinem Schreibtisch zu meinem. Von gedruckten Ausgaben zu einer digitalen Datei auf einem E-Ink-Reader. Und nach seinem Tod auch zu dem Versuch, sein literarisches Erbe nicht einfach in Regalen, Kartons oder Erinnerungen verschwinden zu lassen.

Ein Teil davon geschieht auf trpm.de, wo ich versuche, Texte, Informationen und Spuren seiner Arbeit zugänglich zu halten. Nicht als Museum mit Glasvitrine, sondern als Ort, an dem seine Bücher und sein Werk weiter auffindbar bleiben. Thomas R. P. Mielke war mein Vater. Aber er war eben auch Schriftsteller. Einer, dessen Bücher nicht nur in meiner Erinnerung weiterleben sollen.

Vor einigen Jahren habe ich auch das Cover der E-Book-Ausgabe von Das Sakriversum gestaltet. Schon damals war das eine Verbindung zwischen seinem Werk und meiner eigenen Arbeit mit Gestaltung, Bildern, Webseiten und digitalen Veröffentlichungen. Nun liegt genau dieses E-Book auf meinem ersten E-Reader.

Danach darf das PocketBook InkPad One ruhig weiter gefüllt werden. Aber diese erste Datei setzt einen Ton.

Ich möchte den Reader eher wie eine kleine Tasche behandeln, nicht wie ein Lager. Was ich mitnehme, soll dort eine Weile bleiben dürfen. Was ich nicht lese, fliegt wieder runter. Nicht aus Prinzip, sondern damit das Gerät ruhig bleibt. Für das Sofa, den Balkon, die Bahn, das Hotelzimmer, vielleicht auch für die Reise.

Ganz ohne gedruckte Bücher wird es dadurch nicht gehen. Das will ich auch gar nicht. Dafür mag ich Papier, Einbände, Regale, Gebrauchsspuren und dieses kurze Zögern vor dem nächsten Buch viel zu sehr. Aber vielleicht nimmt der E-Reader ein wenig Druck aus der Sache. Nicht jedes Buch muss hier als Gegenstand einziehen. Nicht jeder Text braucht Papier. Nicht jeder Lesewunsch muss am Platz im Regal scheitern.

Der erste E-Reader im Burgturm wird also nicht vollgeladen, sondern vorsichtig eingerichtet.

Ein paar Bücher. Ein paar Texte. Vielleicht ein Comic zum Testen.

Und ganz vorne: Das Sakriversum von Thomas R. P. Mielke.

Nicht als Testdatei. Sondern als Anfang. Als Reminiszenz. Als Hommage an meinen Vater.

Irgendwo schließt sich damit ein Kreis. Vom Buch meiner Kindheit zum E-Book-Cover, vom Schreibtisch meines Vaters zu meinem ersten E-Reader im Burgturm. Von Papier zu E-Ink. Und zurück zur Literatur.


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