Hokusai auf dem Tisch: Welle, Papier und Blick

Hokusai auf dem Tisch: Welle, Papier und Blick

Manchmal reicht ein Buchcover, um einen Tisch anders aussehen zu lassen. Dieses Hokusai-Buch von Taschen lag auf dem Holz, und natürlich sieht man zuerst die Welle. Man kann sie kaum anders sehen. Sie ist längst aus dem Bild herausgewachsen, auf Postern, Tassen, Kalendern, Notizbüchern, Museumsbeuteln. Fast zu bekannt, um sie noch genau anzusehen.

Und dann liegt sie da doch wieder still vor einem.

Die große Welle vor Kanagawa ist ein seltsames Bild. Laut und genau zugleich. Alles bewegt sich, das Wasser bäumt sich auf, die Boote wirken klein, der Fuji steht fast beiläufig im Hintergrund. Trotzdem hat nichts daran Zufall. Jede Linie hält etwas fest, das eigentlich nicht festzuhalten ist. Schaum, Druck, Wind, Angst, Ordnung.

Der Band nähert sich Hokusai nicht nur über dieses eine berühmte Motiv, auch wenn man daran kaum vorbeikommt. Hokusai war Zeichner, Holzschneider und Maler, geboren 1760, gestorben 1849. Seine Arbeit zieht sich durch Jahrzehnte, durch verschiedene Namen, Stile, Aufträge und Bildwelten. Landschaften, Tiere, Menschen, Geister, Alltag, Bewegung, Muster, Studien. Die Welle ist kein Einzelstück, sondern ein Ausschnitt aus einem sehr langen, wachen Künstlerleben.

Natürlich gehört die kunsthistorische Einordnung dazu. Hokusai wurde im Europa des späten 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Bezugspunkt für die Moderne. Seine Farbholzschnitte, die flächigen Farben, die Ausschnitte, Linien und Kompositionen beeinflussten Künstler wie van Gogh, Monet, Gauguin, Morisot, Cassatt oder Klimt. Beim Blättern tritt das aber erst einmal zurück. Man sieht nicht Einfluss. Man sieht Blätter, die erstaunlich frisch geblieben sind.

Gerade in einem kleinen Kunstband funktioniert das gut. Das Buch verlangt keinen Museumston. Es liegt eher wie etwas da, das man zwischendurch aufschlägt. Ein Bild ansehen, wieder schließen, später weiterblättern. Die Reproduktionen brauchen etwas Zeit. Mehr nicht.

Die Gestaltung des Taschen-Bandes hält sich zurück. Weißer Rand, großes Motiv, klare Typografie. Auf dem Holztisch wirkt das Buch wie ein Gegenstand zwischen Alltag und Sammlung. Nicht kostbar im unberührbaren Sinn, eher greifbar. Ein Band, den man liegen lassen kann. Sichtbar. Benutzt. Wieder aufgeschlagen.

Hokusai erscheint hier nicht nur als Name aus der Kunstgeschichte. Eher als jemand, der über Jahrzehnte geschaut, gezeichnet, variiert und weitergearbeitet hat. Die Bilder haben etwas Bewegliches. Nicht nur beim Wasser. Auch in den Linien von Stoffen, Körpern, Tieren, Wolken, Zweigen. Alles ist beobachtet, aber nicht festgenagelt.

Die Welle auf dem Cover bleibt der Eingang. Das lässt sich kaum vermeiden. Aber ein gutes Hokusai-Buch sollte einen nicht dort stehen lassen. Dieser Band tut das nicht. Er nutzt das bekannte Bild als Tür und öffnet danach einen größeren Raum.

Am besten funktioniert das Buch nicht im Regal, sondern auf dem Tisch. Zwischen Holz, Papier, Druckfarbe und einem Motiv, das man schon hundertmal gesehen hat. Dann schaut man doch noch einmal hin.


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