Ein AVUS-Poster an der Wand und das Datum 1937

Ein AVUS-Poster an der Wand und das Datum 1937

Dieses Poster hängt bei mir im Zimmer.

Nicht, weil ich die Zeit verklären möchte, aus der es stammt. Nicht, weil mich Rennsport der Dreißigerjahre in irgendeine nostalgische Richtung zieht. Es hängt dort, weil ich die Gestaltung stark finde. Die große Schrift. Die leere Fläche. Die rote Spur der Strecke. Zwei silberne Wagen, die fast nicht mehr wie Autos aussehen, sondern wie gezeichnete Geschosse. Alles ist reduziert, kühl, schnell und sehr kontrolliert.

Und dann steht dort dieses Datum.

  1. Mai 1937.

Man kann es nicht übersehen. Auch wenn das Poster zunächst ganz anders wirkt. Keine Fahnen, keine Menschenmenge, kein Pathos, keine offene Parole. Nur eine Rennstrecke, zwei Wagen, ein paar Buchstaben und eine Bewegung, die sich quer durch das Bild zieht. Gerade diese Zurückhaltung macht das Motiv so gut. Und genau dadurch wird es auch schwierig.

1937 ist kein neutrales Jahr. Berlin ist kein neutraler Ort. Die AVUS war damals nicht einfach nur eine Rennstrecke, auf der schnelle Autos fuhren. Sie gehörte zu einer Zeit, in der Technik, Geschwindigkeit, Gestaltung und nationale Selbstdarstellung längst miteinander verbunden waren. Man muss das nicht auf jedes einzelne Bild platt herunterbrechen. Aber man kann es auch nicht wegsehen, nur weil die Form schön ist.

Mich beschäftigt an dem Poster genau diese Reibung.

Auf den ersten Blick ist es ein Motorsportplakat. Auf den zweiten Blick ist es ein Bild aus einer Zeit, die sich nicht von ihrer Oberfläche lösen lässt. Die Wagen wirken elegant, fast unwirklich. Die Typografie ist groß, modern, selbstbewusst. Die Kurve zieht den Blick sofort hinein. Das Rot der Strecke hat etwas Dynamisches, ohne laut zu werden. Es ist kein überladenes Werbemotiv, kein dekoratives Sammelbild mit vielen Details. Es ist fast streng.

Vielleicht gefällt es mir gerade deshalb. Weil es so wenig erklärt.

Gleichzeitig ist das auch der Punkt, an dem man vorsichtig werden muss. Gute Gestaltung macht einen historischen Gegenstand nicht harmlos. Sie kann ihn sogar gefährlicher machen, weil man zuerst die Form sieht und erst danach den Zusammenhang. Bei diesem Poster passiert genau das. Erst kommt die Faszination. Dann das Datum. Dann die Frage, was man sich da eigentlich an die Wand hängt.

Ich glaube nicht, dass man jedes historische Motiv sofort aus dem eigenen Blick verbannen muss, sobald es aus einer belasteten Zeit stammt. Aber man sollte wissen, womit man es zu tun hat. Dieses Poster ist für mich kein reines Dekorationsstück. Es ist auch kein Motorsport-Fetisch und keine Sehnsucht nach einer alten Welt. Es ist ein Bild, an dem ich hängenbleibe, weil es gestalterisch funktioniert und historisch nicht sauber wird.

Burgturm hat sich in den letzten Jahren immer wieder mit dieser Zeit beschäftigt. Mit Familiengeschichten zwischen 1935 und 1945, mit Widerstandserzählungen in Comics, mit Graphic Novels über Krieg, Besatzung und Erinnerung, mit Wannsee und den letzten Kriegstagen. Dort geht es meist um offen sichtbare Geschichte: Verfolgung, Gewalt, Widerstand, Schuld, Verlust. Dieses AVUS-Poster erzählt davon nicht direkt. Es zeigt eine andere Oberfläche derselben Zeit. Geschwindigkeit. Technik. Glanz. Form.

Das macht es nicht weniger interessant.

Eher im Gegenteil.

Denn Geschichte steckt nicht nur in Ruinen, Uniformen und Schlachtfeldern. Sie steckt auch in Gestaltung. In Schriften. In Plakaten. In der Art, wie eine Zeit sich selbst sehen wollte. Dieses Poster zeigt keine Gewalt. Aber es stammt aus einer Welt, in der Gewalt längst zum politischen Fundament gehörte. Es zeigt keine Ideologie. Aber es steht in einem ideologischen Raum. Das muss man aushalten, wenn man es betrachtet.

Ich mag die Ruhe des Motivs. Ich mag die Komposition. Ich mag, wie die Wagen fast aus der Fläche herausgleiten. Ich mag auch diese alte grafische Sicherheit, die viele Plakate jener Zeit hatten. Aber ich möchte nicht so tun, als könne man das Jahr 1937 einfach ausblenden. Das Poster ist schön. Und es bleibt schwierig.

Vielleicht ist das der einzige sinnvolle Umgang damit: nicht wegschauen, aber auch nicht glattziehen.

Es hängt bei mir nicht als unkritisches Rennsportbild. Es hängt dort, weil es mich immer wieder an diese merkwürdige Gleichzeitigkeit erinnert. An die Anziehung guter Gestaltung. Und an die Pflicht, den Rahmen nicht zu vergessen.

Ein schönes Poster aus einer schlechten Zeit bleibt ein schönes Poster aus einer schlechten Zeit.

Weiterführende Texte auf Burgturm zur Zeit des Nationalsozialismus, zu Krieg, Widerstand und Erinnerung:

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