Es gibt Produktverpackungen, die man nach dem Auspacken sofort vergisst. Und es gibt solche, die eine kleine Szene im Kopf auslösen. Beim LAMY logo M+ in violet war es der transparente Kunststoffbehälter, in dem der Stift liegt. Schlank, klar, leicht kühl. Ein bisschen wie ausgestellt.
Mir fiel dabei sofort Schneewittchen ein.
„… und ließen einen durchsichtigen Sarg von Glas machen, daß man es von allen Seiten sehen konnte, legten es hinein und schrieben mit goldenen Buchstaben seinen Namen darauf und daß es eine Königstochter wäre.“
Das ist vielleicht kein naheliegender Gedanke, wenn man einen Kugelschreiber auspackt. Aber genau solche Verbindungen mag ich. Ein Gegenstand liegt auf dem Tisch, man schaut ihn an, und plötzlich ist da nicht nur Farbe, Form und Material, sondern auch eine Erinnerung, ein Bild, ein Satz aus einem Märchen.
Den LAMY logo M+ violet hatte ich vor einiger Zeit bei einer Facebookaktion von LAMY gewonnen. Das ist hier also kein Testgerät aus einer aktuellen Anfrage, sondern eher ein kleines Fundstück aus der eigenen Schublade. Einer dieser Stifte, die man nicht unbedingt gesucht hat, die aber bleiben, weil sie auf dem Schreibtisch eine andere Farbe in die gewohnte Ordnung bringen.
Das Violett ist deutlich, fast schon frech für einen LAMY. Nicht laut im billigen Sinn, aber sichtbar. Zwischen schwarzen Notizbüchern, grauen Geräten, Bleistiften, Papier und den üblichen Metalltönen fällt der Stift sofort auf. Gerade deshalb funktioniert er für mich. Der LAMY logo ist in seiner Form sehr sachlich, fast nüchtern. Schmaler zylindrischer Schaft, klarer Clip, keine Spielerei. Die Farbe nimmt dieser Sachlichkeit etwas von der Strenge.
Am Morgen ließ mich die Schneewittchen-Idee dann nicht mehr los. Also das iPhone genommen, raus auf die Terrasse, den Stift mitsamt transparenter Hülle zwischen die Pflanzen gelegt und fotografiert. Weiße Blüten, dunkles Grün, ein wenig Erde, ein wenig Unordnung. Kein Studio, keine saubere Produktbühne. Eher ein schneller Versuch, dieses Bild sichtbar zu machen, das vorher schon im Kopf war.
Mit Hülle wirkt der LAMY tatsächlich ein bisschen wie eingeschlossen. Ohne Hülle liegt er freier da, aber auch verletzlicher. Das Violett steht merkwürdig schön gegen das Grün der Pflanzen. Man sieht dem Foto an, dass es spontan entstanden ist. Gerade das gefällt mir daran. Es passt besser zu diesem Gedanken als ein perfekt ausgeleuchtetes Produktbild.
Dass der LAMY logo M+ gut schreibt, überrascht nicht. LAMY kann solche Stifte. Der Druckmechanismus ist sauber, der Stift liegt leicht in der Hand, nichts wackelt unangenehm, nichts drängt sich auf. Es ist kein Stift, über den man lange technische Sätze schreiben muss. Man nimmt ihn, klickt ihn, schreibt. Für Notizen, kurze Listen, Randbemerkungen, schnelle Sätze auf einem Zettel.

Interessanter ist hier fast weniger das Schreiben selbst, sondern der Moment davor. Dieses kurze Innehalten, wenn ein Alltagsgegenstand plötzlich eine kleine Geschichte mitbringt. Der transparente Behälter, die violette Farbe, der Märchensatz. So etwas reicht manchmal, damit ein Stift nicht einfach nur ein Stift bleibt.
Auf meinem Schreibtisch liegt der LAMY logo M+ violet nicht unauffällig herum. Er tut nicht so, als wäre er ein klassischer schwarzer Bürostift. Er ist sichtbar. Und gerade weil seine Form so schlicht bleibt, kippt die Farbe nicht ins Beliebige. Der Stift hat etwas Klares, fast Kühles, aber eben mit diesem violetten Einschlag.
Vielleicht fotografiere ich Stifte deshalb so gerne. Nicht weil sie besonders spektakulär wären. Sondern weil sie klein genug sind, um in einer Szene zu verschwinden, und deutlich genug, um ihr trotzdem eine Richtung zu geben. Hier waren es ein paar Blüten, etwas Grün und ein durchsichtiger Behälter. Schneewittchen lag nicht im Sarg. Nur ein LAMY.
Aber der Gedanke war da.
„Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die Schönste im ganzen Land?“

