Es gibt Szenen, die schreibt man nicht nur, weil sie zur Geschichte passen. Man schreibt sie, weil etwas Eigenes darin steckt. Nicht eins zu eins. Nicht als Tagebuch. Aber als Material, das man kennt.
Der folgende Text ist ein kleiner Auszug aus einer Geschichte, die ich geschrieben habe. Der Roman ist keine Autobiografie, aber diese Szene ist von eigenen Erinnerungen durchzogen. An meinen Vater. An meine Kindheit. An alte Schreibmaschinen, Papier, Bleistifte, Füller und dieses Gefühl, dass Schreiben einmal sehr direkt mit der Hand, mit Geräuschen und mit Gegenständen verbunden war.
Mac, der Protagonist, ist nicht ich. Aber in ihm steckt etwas von meinem alten Ego. Von dem Jungen, der gezeichnet, geschrieben, beobachtet und Dinge aufgehoben hat, weil sie irgendwann vielleicht wieder wichtig werden könnten.
Mac kramte in einer alten Kiste, die irgendwo zwischen Werkzeug und Erinnerungen stand, vollgestopft mit Dingen, die einmal wichtig gewesen waren und es vielleicht wieder werden konnten. Bleistifte, Kugelschreiber, ein paar Füller. Die meisten davon tot. Die Kugelschreiber kratzten nur noch, ohne etwas zu hinterlassen, die Füller waren eingetrocknet oder schlicht nutzlos, weil es keine Tinte mehr gab. Er drehte einen zwischen den Fingern, schraubte ihn auf, sah hinein, als könnte sich darin doch noch ein Rest verbergen. Nichts.
Er schnaubte leise. Wer schrieb eigentlich noch analog.
Der Gedanke fühlte sich fremd an und gleichzeitig vertraut. Früher war das alles gewesen. Papier, Stift, Hände, die wussten, was sie taten. Er erinnerte sich daran, wie er als Kind und Jugendlicher stundenlang gezeichnet hatte, einfach so, ohne Zweck, ohne Ziel. Wälder, Gesichter, irgendwelche Wesen, die aus nichts entstanden und wieder verschwanden. Und Geschichten. Die ersten waren holprig gewesen, aber sie waren da gewesen, schwarz auf weiß, festgehalten, bevor sie sich auflösen konnten.
Sein Vater hatte seine Romane auf einer alten roten Reiseschreibmaschine geschrieben. Dieses harte, klare Geräusch der Tasten, das Klacken, das Durchdrücken bis aufs Papier. Mac hatte daneben gesessen, zugesehen, zugehört, und irgendwann selbst angefangen. Er hatte nicht gewusst, dass man nicht schlagen sollte, sondern tippen. Also hatte er die Tasten gehauen, als müsste er sie zwingen, Worte zu werden. Er hatte es geliebt, wenn die „Os“ das Papier fast durchstanzt hatten, kleine perfekte Löcher in einem sonst ordentlichen Text.
Später kamen die Rechner, die Tastaturen, und irgendwann hatte sich daraus etwas entwickelt, das fast automatisch ging. Sanftes Tippen, blind, ohne hinzusehen, Fehler egal, korrigieren konnte man später. Wichtig war nur, die Gedanken festzuhalten, bevor sie wieder verschwanden.
Er wühlte weiter in der Kiste, schob alte Dinge zur Seite, bis seine Finger an etwas hängen blieben, das sich anders anfühlte. Glatt, kühl, vertraut.
Er zog es heraus.
Ein alter Fallminenbleistift. Grün lackiert, mit einer Messingfassung, leicht abgenutzt an den Kanten, dort, wo die Finger ihn über Jahre gehalten hatten. Mac drehte ihn in der Hand, sah ihn an, als hätte er ihn lange nicht gesehen.
„Du bist ja noch da“, murmelte er.
Der musste fünfzig Jahre alt sein. Mindestens.
Er hatte ihn von seinem Vater bekommen. Einfach so, ohne Anlass. „Nimm den“, hatte er gesagt. „Der schreibt besser als alles andere.“ Und er hatte recht gehabt. Die Mine war genau richtig, nicht zu hart, nicht zu weich. Sie brach nicht, schmierte nicht, machte genau das, was sie sollte.
Mac wusste, dass irgendwo in der Kiste noch Ersatzminen lagen. Genug, um noch Jahre damit zu schreiben, wenn er sparsam war.
Er führte den Stift kurz an die Nase, roch daran, ohne genau zu wissen, warum. Vielleicht das alte Messing, dieser kaum greifbare Duft von Gebrauch, von Zeit. Vielleicht auch einfach der Gedanke daran, was alles mit diesem Stift entstanden war.
Er nahm ihn in die linke Hand. Er war Linkshänder gewesen, schon immer, und der Stift lag sofort richtig zwischen den Fingern, als hätte er nur darauf gewartet.
Er zog ein Stück Papier heran, nicht ganz glatt, leicht gewellt, aber brauchbar, und begann zu schreiben.
Mac beginnt nicht, weil der Stift etwas Besonderes verspricht. Er beginnt, weil er da ist. Weil Papier danebenliegt. Weil die Hand noch weiß, was zu tun ist. Und weil an diesem Stift mehr hängt als Graphit, Lack und Messing.
Für mich steckt in dieser Szene viel Erinnerung. An meinen Vater. An meine Kindheit. An das Geräusch einer Schreibmaschine. An alte Stifte, die nicht wertvoll sein mussten, um wichtig zu sein.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich Schreibgeräte bis heute interessieren. Nicht als Sammelobjekte hinter Glas. Eher als Dinge, die benutzt werden, herumliegen, Kratzer bekommen und irgendwann wieder auftauchen.
Man zieht sie aus einer Kiste, prüft die Mine, sucht ein Blatt Papier.
Und für einen Moment ist wieder etwas da, das nie ganz weg war.
Der Fallminenstift auf dem Titelbild war auf Burgturm schon einmal Thema. Damals als Werkzeug, als klassischer Faber-Castell TK Fallminenstift.

