Der Copic Wide ist kein Stift, der sich unauffällig in ein Etui legt und abwartet. Schon die Form macht klar, dass er für Fläche gebaut wurde. Breit, flach, etwas werkzeughafter als ein normaler Marker. Kein Stift für kleine Randnotizen, eher einer für Plakate, große Buchstaben, Hintergründe, schnelle Farbflächen und alles, was auf Papier sofort sichtbar werden soll.
Die breite Spitze ist dabei erst einmal eine kleine Zumutung. 21 Millimeter sind viel, wenn man sonst mit normalen Filzstiften, Finelinern oder klassischen Markern arbeitet. Man hält den Copic Wide in der Hand und denkt kurz: Gut, damit kann man jetzt einen Balken ziehen. Mehr vielleicht nicht.
Stimmt aber nicht.
Gerade das war beim ersten Ausprobieren das Interessante. Die Spitze ist zwar breit, aber nicht grob. Je nachdem, wie man sie aufs Papier setzt, bekommt man eine satte Fläche, eine schmale Linie oder eine Kante, mit der sich erstaunlich kontrolliert arbeiten lässt. Für einen schnellen Schriftzug reicht das völlig. Für saubere Kalligrafie braucht es natürlich Übung, aber man merkt sofort, dass der Marker mehr kann, als nur Papier rot anmalen.

Ich habe zum Test schnell ein großes „Copic“ geschrieben. Ohne große Vorbereitung, ohne gutes Papier, ohne lange Planung. Genau das sieht man auch. An einigen Stellen franst die Farbe leicht aus, weil das Papier nicht ideal war. Das ist kein Fehler des Markers, sondern meiner. Copic-Farbe braucht Papier, das mit Alkoholmarkern umgehen kann. Auf zu saugendem Papier läuft die Farbe in die Fasern, die Konturen werden weicher, die Ränder verlieren ihre Schärfe.
Trotzdem hat der Test funktioniert. Vielleicht sogar gerade deshalb. Man sieht, was passiert, wenn Werkzeug, Papier und Hand noch nicht ganz zusammenpassen. Die Farbe sitzt satt auf der Fläche, die roten Töne wirken kräftig, die Kanten sind dort sauber, wo das Papier mitspielt. Und dort, wo es ausfranst, lernt man sofort etwas über Material.
Für die schwarzen Konturen habe ich einen normalen Copic verwendet. Das passt gut zusammen, weil der breite Marker die Fläche bringt und der schmalere Stift die Form wieder einfängt. Mit mehr Farben ließen sich Schatten, Verläufe und Abstufungen deutlich besser ausarbeiten. Gerade bei großen Buchstaben wäre das reizvoll. Ein dunklerer Rotton an der linken Kante, ein hellerer Bereich in der Mitte, vielleicht ein leichter Schatten unter der Schrift. Man merkt schnell, dass der Copic Wide nicht allein gedacht werden muss. Er ist eher ein Flächenwerkzeug innerhalb eines Systems.

Was mir an ihm gefällt, ist diese direkte Wirkung. Ein Strich, und es steht etwas auf dem Papier. Nicht vorsichtig, nicht klein, nicht beiläufig. Der Marker zwingt einen fast dazu, größer zu denken. Das kann beim Zeichnen angenehm sein, weil man nicht in Details versinkt. Man legt Formen an, arbeitet mit Bewegung, mit Druck, mit Winkel. Der Stift reagiert sofort.
Natürlich ist das nichts für jede Situation. Für kleine Skizzen im Notizbuch ist er überdimensioniert. Für unterwegs würde ich eher andere Stifte einpacken. Aber wenn ein Blatt auf dem Tisch liegt und man etwas Plakatives machen möchte, ist der Copic Wide genau richtig. Große Schriftzüge, dekorative Elemente, Hintergründe, Farbflächen, schnelle Entwürfe. Dafür wurde er gemacht.
Der erste Versuch war noch roh. Die Linien könnten sauberer sein, das Papier besser, die Schatten bewusster gesetzt. Aber der Spaß war sofort da. Und das ist bei einem Werkzeug nicht unwichtig. Manche Stifte muss man sich erklären. Andere legt man auf das Papier und weiß nach drei Minuten, ob man mit ihnen weiterarbeiten will.
Beim Copic Wide war das ziemlich schnell klar.
Der bleibt nicht nur zum Ausprobieren in der Schublade.

