BURGTURM

Thomas R. P. Mielke und ich: Bücher, Computer und Umwege

Heller beigefarbener Hintergrund mit dezenter Papierstruktur.

Im Keller unseres Hauses stand irgendwann ein Computer, der damals ein kleines Vermögen gekostet hatte. Ein Triumph-Adler Alphatronic mit Bernsteinmonitor, 5¼-Zoll-Disketten und MS-DOS. Mein Vater und ich saßen oft davor und probierten alles Mögliche aus.

Texte schrieben wir mit einem Programm namens TEX-ASS. Und dann gab es BASIC. Damit versuchten wir, kleine Figuren auf dem Bildschirm zu animieren. Passend zu seinem Roman Gilgamesch sollte ein Speerträger seinen Speer auf einen Vogel werfen. Später probierten wir noch Tennis und allerlei andere Dinge aus.

Mein Vater hatte dabei einen enormen Ehrgeiz. Wenn etwas nicht funktionierte, wurde weitergemacht. So lange, bis sich endlich etwas auf dem Bildschirm bewegte. Ich fand das klasse. Gemeinsam etwas Neues entdecken, lernen und ausprobieren. Auch wenn wir dafür manchmal ziemlich lange im Keller saßen.

An diese Zeit musste ich denken, als ich vor einiger Zeit die autobiografische Vita meines Vaters Thomas R. P. Mielke noch einmal gelesen habe. Die hatte er vor vielen Jahren selbst auf seiner Website veröffentlicht. Und wie so oft bei seinen Texten musste ich an einigen Stellen schmunzeln.

Er konnte erzählen. Mit historischen Abschweifungen, reichlich Ironie und gelegentlichen Seitenhieben. Manchmal brauchte man etwas Geduld, bis er wieder beim eigentlichen Thema angekommen war.

Sein Lebenslauf war jedenfalls ungewöhnlich. Gärtner, Schiffsschmied, Zigarrendeckblattfärber, Hilfsarchivar, Fluglotse, Werbetexter, Creative Director und Schriftsteller. Ohne Abitur oder akademischen Abschluss. Vieles hatte er sich selbst beigebracht oder durch praktische Arbeit gelernt.

Meiner sieht übrigens auch nicht besonders geradlinig aus.

Ich habe eine Konditorlehre begonnen, später an historischen Gebäuden gearbeitet, war im Botanischen Garten Berlin beschäftigt und danach in der Werbung, Film- und Medienproduktion und mit digitalen Projekten tätig. Verschiedene Berufe und immer wieder etwas Neues.

Eine Gemeinsamkeit finde ich besonders amüsant. Mein Vater arbeitete in Italien bei Ferrero in der Produktentwicklung. Einen Teil meiner Kindheit verbrachte ich in Pino Torinese und Chieri. Jahre später fing ich ausgerechnet eine Konditorlehre an. Die habe ich zwar abgebrochen, aber die Überschneidung finde ich noch immer ziemlich kurios.

Bücher, Geschichten und andere Beschäftigungen

Bücher, Manuskripte, Entwürfe und Bilder gehörten bei uns zum Alltag. Mein Vater schrieb Science Fiction, Krimis und historische Romane. Dass jemand zu Hause an einem Roman arbeitete, fand ich damals nicht besonders ungewöhnlich. Das war eben sein Beruf.

1982 nahm er mich mit zu FOLLOW, einem Fantasy- und Literaturverein, dem er selbst angehörte. Ich trat ebenfalls bei und schrieb dort eigene fantastische Geschichten. Später entstand daraus unter anderem Yllmar’yon, eine gemeinsam mit Silma und weiteren Beteiligten entwickelte Kultur innerhalb der Welt Magira. Zwischen etwa 1995 und 2005 wurde daraus auch ein umfangreiches Internetprojekt. Mitglied bei FOLLOW bin ich übrigens noch heute, allerdings schon lange nicht mehr aktiv.

Beruflich bin ich nie Schriftsteller geworden wie mein Vater. Geschrieben habe ich trotzdem immer wieder, und die Freude daran, sich eigene Geschichten auszudenken, ist geblieben.

Heute beschäftige ich mich auf Kleinberge.de mit einem fiktiven Ort im Maßstab 1:87. Ich baue Häuser, Wohnungen, Bauernhöfe, Werkstätten, Straßen und Hinterhöfe. Meist orientiert an Westdeutschland und West-Berlin zwischen den 1950er und 1980er Jahren.

Zu den Gebäuden denke ich mir oft Geschichten aus. Wer könnte dort gewohnt haben? Was war früher in der Werkstatt? Warum steht das Haus leer? Vieles davon schreibe ich gar nicht auf. Es entsteht beim Bauen und steckt später in den kleinen Details.

Mein Vater entwickelte Romanwelten, ich beschäftigte mich mit Magira und baue heute einen Ort aus Karton, Holz, Farbe und allem, was sich dafür verwenden lässt.

Auch Geschichte hat uns beide beschäftigt. Mein Vater recherchierte für seine historischen Romane oft jahrelang und besuchte die entsprechenden Schauplätze. Ich habe selbst an der Restaurierung alter Gebäude gearbeitet und interessiere mich bis heute für Architektur, Materialien und die Spuren früherer Nutzung. Das findet sich beim Modellbau wieder, aber auch in meinen Fotografien und Reiseberichten. Einige davon veröffentliche ich inzwischen auf Waldlandmeer.de.

Vom Keller ins Internet

Zurück zu den Computern. Aus den gemeinsamen Versuchen mit BASIC wurde bei mir über die Jahre eine ziemlich intensive Beschäftigung mit digitalen Medien. Ich schrieb Texte, gestaltete Grafiken und Websites, probierte Software aus und beschäftigte mich mit allem, was damals neu dazukam.

1995 registrierte ich die Domain TRPM.de und stellte sie meinem Vater zur Verfügung. Er konnte dort seine Bücher und Texte vorstellen und veröffentlichen, was er wollte.

Anfangs hatte er seine Homepage selbst mit Microsoft Word erstellt. Ja, das ging damals tatsächlich. Später stellte ich die Seite auf WordPress um und kümmerte mich um E-Mail-Adressen, Themes und alles, was technisch anfiel. Die Inhalte kamen von ihm.

Ich wollte ihn dabei unterstützen. Geld habe ich dafür nie verlangt.

Als Kind hatte er mich mit Büchern, Geschichten und allerlei Ideen in Berührung gebracht. Wir hatten gemeinsam vor dem Alphatronic gesessen und versucht, dem Rechner Dinge beizubringen. Jahre später konnte ich ihm bei den Möglichkeiten des Internets helfen. Das fand ich schon schön.

Ich selbst betrieb inzwischen ebenfalls eigene Websites. Manche existierten nur wenige Jahre, andere wurden immer wieder umgebaut und erweitert. Aus dieser Beschäftigung sind später unter anderem Burgturm, Kleinberge und Waldlandmeer entstanden.

Burgturm begann mit Burgtürmen, alten Mauern und historischen Orten. Später kamen Bücher, Comics, Computerspiele, digitale Werkzeuge, Fotografie und Reisen dazu. Auch heute schreibe ich hier über ziemlich unterschiedliche Dinge. Ein Buch, das mir gefallen hat, ein Spiel, in dem ich viele Stunden verbringe, ein neues Gerät oder etwas, das mir unterwegs aufgefallen ist.

Zwei Lebensläufe

Beim Lesen der Vita meines Vaters sind mir einige Ähnlichkeiten aufgefallen, über die ich früher kaum nachgedacht habe.

Natürlich waren wir unterschiedlich. Mein Vater schrieb wesentlich ausschweifender als ich, konnte sich über politische und gesellschaftliche Dinge herrlich aufregen und hatte keine Schwierigkeiten damit, seine Erfolge ausführlich zu schildern. Wir waren auch nicht immer einer Meinung. Eigensinnig konnten wir beide sein.

Aber wir hatten ähnliche Interessen. Bücher, Geschichte, Gestaltung, Technik und die Möglichkeit, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Wir haben beide verschiedene Berufe ausgeübt, Neues gelernt und Dinge ausprobiert, von denen wir zunächst wenig Ahnung hatten.

Mir fällt dabei auf, wie oft sich das Handwerkliche mit dem Kreativen vermischt hat. Bei meinem Vater in der Werbung, der Produktentwicklung und beim Schreiben. Bei mir in der Restaurierung, der Gestaltung, den digitalen Projekten und heute auch beim Modellbau.

Dabei habe ich eine ganze Menge von ihm gelernt. Und später konnte ich ihm bei manchen Dingen helfen. Ganz selbstverständlich, ohne dass wir daraus eine große Sache gemacht hätten.

Wenn ich heute an unsere ersten Versuche am Computer denke, sehe ich uns noch immer im Keller vor dem Bernsteinmonitor sitzen. Mein Vater mit seinem Ehrgeiz, ich mit meiner Neugier, und irgendwo auf dem Bildschirm ein kleiner Speerträger, der seinen Speer auf einen Vogel werfen sollte.

Marcus O. Mielke