Tokyo kennt man, bevor man dort war. Oder man glaubt es zumindest. Ich selbst war noch nie dort. Mein Interesse an Japan ist trotzdem da. Das merkt man hier auf BURGTURM ja inzwischen an einigen Artikeln.
Neon, Kreuzungen, Bahnsteige, Schirme. Enge Gassen, nasser Asphalt, Menschen, die irgendwohin müssen. Alles schon gesehen. In Filmen, Spielen, Reisevideos und auf Bildern, bei denen Tokyo sofort nach Tokyo aussieht.
„Now is Now Tokyo“ von Gestalten | teNeues geht auch in diese Bilder hinein. Natürlich. Es wäre seltsam, wenn ein Bildband über Tokyo das nicht täte. Aber er bleibt nicht nur dort hängen.
Das Buch versammelt Street Photography aus Tokyo. Kein Reiseführer. Kein sauber sortiertes Japan-Buch. Keine Tempelrunde, keine Tipps, keine freundliche Abfolge von Sehenswürdigkeiten. Man blättert durch Straßen, Gesichter, Licht, Schaufenster, Nacht, Ecken. Manche Bilder sind sofort da. Andere gehen fast vorbei.
Der Band ist auf Englisch. Das ist hier nicht besonders wichtig. Die Bilder müssen tragen. Der Text ist eher Rahmen. Mehr wäre schnell zu viel.
Interessant wird „Now is Now Tokyo“ dort, wo die Stadt nicht nur glänzt. Tokyo ist ja schnell dieses helle, saubere, perfekt organisierte Ding im Kopf. Alles fährt pünktlich, alles leuchtet, alles hat eine Ordnung. Der Bildband zeigt auch andere Seiten. Dunklere Straßen. Nachtleben. Räume, in denen es enger, lauter, schmutziger wirkt. Gesichter, die nicht für eine schöne Japan-Erzählung da sind. Szenen, bei denen man kurz denkt: So hatte ich Tokyo gar nicht im Kopf.
Nicht, weil es jetzt unbedingt die wahre Stadt zeigt. Das wäre wieder zu groß. Aber weil es die Oberfläche ein Stück aufraut. Zwischen Reklame, Clubs, Bars, Seitenstraßen und müden Blicken entsteht ein anderes Tokyo. Nicht nur freundlich. Nicht nur futuristisch. Nicht nur sauber ausgeleuchtet. Eher eine Stadt, die nachts noch einmal anders wird.
Street Photography lebt von solchen Momenten. Einer dreht den Kopf. Ein Licht fällt falsch oder genau richtig. Jemand verschwindet halb im Schatten. Eine Straße sieht für einen Augenblick aus, als würde sie zu einer anderen Stadt gehören. Danach ist es vorbei.
Nicht jedes Bild muss einen sofort packen. Manche tun das auch nicht. Ein paar Aufnahmen rauschen durch. Das ist bei so einem Band fast unvermeidlich. Bei rund 180 Fotografien ist nicht jedes Foto gleich stark. Muss es auch nicht. Eine Stadt besteht nicht aus lauter Hauptbildern.
Ich mag an solchen Büchern, wenn sie nicht so tun, als würden sie eine Stadt erklären. Tokyo wird hier nicht aufgelöst. Man blättert durch Gesichter, Licht, Straßen und Ränder. Man bleibt mal hängen, mal nicht. Genau das ist wahrscheinlich näher an der Stadt als jede große Behauptung.
Und dann ist da dieser Effekt, den gute Bildbände manchmal haben. Man klappt sie zu. Ein paar Tage später erinnert man sich an eine Szene. Oder an etwas, das man für eine Szene hält. War das wirklich in diesem Buch? Habe ich das Bild gesehen, oder hat es sich nur mit dem eigenen Tokyo im Kopf vermischt?
Dann schlägt man den Band wieder auf und sucht. Vielleicht findet man, was man sucht. Vielleicht auch nicht. Aber man blättert wieder durch Nacht, Reklame, Gesichter und Straßenränder. Und merkt, dass Tokyo in diesem Buch nicht ordentlich an seinem Platz bleibt, aber eine Menge Leben zeigt.
Das ist mir lieber als ein weiterer glatter Bildband über eine Stadt, die angeblich jeder sofort erkennt.
Das Buch wurde mir freundlicherweise von Gestalten teNeues zur Verfügung gestellt. Dies hat keinen Einfluss auf meine Meinung.




