BURGTURM

Crossed Monster Edition von Garth Ennis: Horrorcomic an der Grenze des Erträglichen

Crossed Monster Edition 1 und 2 von Garth Ennis liegen nebeneinander auf einem Holzboden.

Es gibt Comics, bei denen man schon nach wenigen Seiten merkt, dass man sie nicht einfach nebenbei liest. Crossed von Garth Ennis gehört für mich genau in diese Kategorie. Die Monster Edition 1 und 2 liegen schwer in der Hand, und auch inhaltlich ist das kein Stoff, den man mal eben wegliest und dann zurück ins Regal stellt.

Ich kenne Crossed schon seit einigen Jahren. Immer wieder habe ich überlegt, ob ich darüber auf Burgturm schreiben soll. Nicht, weil mir dazu nichts einfällt. Eher im Gegenteil. Es ist eines dieser Werke, bei denen man sehr genau wissen sollte, wie man darüber spricht. Zu schnell klingt es nach Empfehlung. Zu schnell auch nach Empörung. Beides trifft es nicht.

Crossed ist exzessiv, abstoßend, brutal und an vielen Stellen bewusst geschmacklos. Die Serie zeigt eine postapokalyptische Welt, in der Menschen durch eine Art Infektion zu enthemmten, sadistischen Wahnsinnigen werden. Erkennbar sind sie an einem kreuzförmigen Ausschlag im Gesicht. Was folgt, ist kein klassischer Zombie-Horror, sondern eine sehr viel unangenehmere Vorstellung: Menschen verlieren nicht einfach ihren Verstand, sondern jede Hemmung.

Das ist schwer zu ertragen. Nicht, weil Gewalt in Comics grundsätzlich neu wäre. Gewalt gehört seit Jahrzehnten zu vielen Spielarten des Mediums. Aber Crossed interessiert sich kaum für Zurückhaltung. Die Serie zeigt Abgründe mit einer Direktheit, die oft mehr abstößt als fasziniert. Manche Szenen wirken nicht wie Horror, sondern wie eine bewusste Prüfung der eigenen Ekelgrenze.

Für Kinder ist das natürlich nichts. Aber auch für viele erwachsene Leser wird es zu viel sein. Und das ist kein Makel des Lesers. Man muss Crossed nicht gelesen haben, um Comics ernst zu nehmen oder die Comic-Kultur zu verstehen. Gleichzeitig lässt sich schwer bestreiten, dass diese Serie innerhalb bestimmter Horror- und Independent-Comic-Kreise eine gewisse Bedeutung hat. Sie ist da. Sie wird gelesen. Sie wird diskutiert. Und sie stammt von Garth Ennis, einem Autor, an dem man im modernen Comic kaum ganz vorbeikommt.

Ennis hat immer wieder mit schwarzem Humor, Tabubruch und Gewalt gearbeitet. In Preacher, The Boys oder auch in seinen Kriegscomics zeigt sich diese Lust an Grenzüberschreitungen sehr unterschiedlich. Bei Crossed steht sie besonders nackt im Raum. Blasphemie, Geschmacklosigkeit, Gewalt, sexuelle Übergriffe, zynische Dialoge und gezielte Provokation gehören hier nicht zum Rand, sondern zum Kern der Erzählung.

Ob ich das gut finde? Nein. Nicht in dieser Form.

Und trotzdem ist die Sache nicht ganz so einfach. Denn Crossed besteht nicht nur aus Blut, Ekel und Schock. Unter der Oberfläche gibt es immer wieder Momente, in denen Ennis eine unangenehme Frage stellt: Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn die Welt keine Regeln mehr hat? Wie lange hält Moral, wenn sie niemand mehr schützt? Und wie dünn ist die Schicht, die wir Zivilisation nennen?

Das sind keine neuen Fragen. Aber sie werden hier mit einer Härte gestellt, die man kaum ignorieren kann. Genau darin liegt für mich das Problem und zugleich der Grund, warum ich überhaupt darüber schreibe. Crossed ist kein Werk, das ich mag. Aber es ist eines, das sich nicht einfach mit einem Schulterzucken erledigt.

Ich habe über die Jahre vieles gesehen, gelesen und gespielt, das Gewalt als Stilmittel nutzt. Früher waren Spiele wie Wolfenstein, Duke Nukem, Rise of the Triad oder Doom für mich drastisch. Heute wirken viele davon fast historisch. Gerade habe ich Dead Island 2 gespielt. Es ist handwerklich sauber, stellenweise unterhaltsam, aber am Ende bleibt oft Gewalt um der Gewalt willen im mittlerweile ziemlich ausgereizten Zombie-Umfeld.

Anders ist es bei Red Dead Redemption 2, das ebenfalls brutale Szenen hat, aber für mich erzählerisch in einer anderen Liga spielt. Dort steht Gewalt nicht allein im Raum. Sie gehört zu Figuren, Landschaft, Schuld, Verlust und einer Welt, die langsam verschwindet. Das macht sie nicht harmlos, aber sie bekommt Gewicht.

Bei Crossed ist dieses Gewicht schwerer zu greifen. Manchmal scheint die Serie tatsächlich etwas über den Menschen erzählen zu wollen. Dann wieder kippt sie in reine Überwältigung. In Bilder, bei denen ich mich frage, ob sie wirklich nötig waren. Diese Frage zieht sich durch die Lektüre. Nicht als moralischer Zeigefinger, sondern ganz schlicht als Leserreaktion.

Ich musste dabei auch an Filme denken, die mich früher wirklich beschäftigt haben. Nackt und zerfleischt habe ich vor über vierzig Jahren zufällig im Kino gesehen. Das war kein normaler Schockfilm, sondern etwas, das mir lange unangenehm im Kopf blieb. Auch Der goldene Handschuh hat mich auf eine andere Weise beschäftigt, weil der Film so tief in menschliche Verwahrlosung und Niedertracht schaut, dass man danach erst einmal Abstand braucht.

Solche Werke können Kunst sein. Sie können wichtig sein. Sie können etwas sichtbar machen, das man lieber nicht sehen möchte. Aber daraus folgt nicht, dass man sie sehen oder lesen muss. Manche Dinge darf man auch ablehnen, selbst wenn man ihre handwerkliche oder kulturelle Bedeutung erkennt.

So geht es mir mit Crossed.

Die Zeichnungen von Jacen Burrows, Leandro Rizzo und Raulo Cáceres sind stark, präzise und oft unangenehm wirkungsvoll. Gerade weil sie so deutlich sind, trifft einen vieles härter. Das Artwork weicht nicht aus. Es beschönigt nichts. Es hat diese kalte Direktheit, die den Horror nicht ins Fantastische rettet, sondern ihn sehr nah an den Leser heranschiebt.

Interessant sind die ruhigeren Momente. Wenn Ennis Männerfreundschaften beschreibt, kleine Loyalitäten, Zweckgemeinschaften oder brüchige Formen von Anstand in einer kaputten Welt, bekommt Crossed plötzlich eine andere Temperatur. Dann merkt man, dass der Autor mehr kann als Provokation. Gerade diese Momente machen die Serie nicht angenehmer, aber sie verhindern, dass sie vollständig zur reinen Schocknummer wird.

Trotzdem bleibt mein Abstand groß. Crossed ist für mich kein Comic, den ich empfehlen möchte. Eher ein Werk, über das man sprechen kann, wenn man sich für die dunkleren, härteren und problematischeren Ränder des Mediums interessiert. Wer Horror nur als Grusel, Monster oder Endzeitkulisse versteht, wird hier vermutlich überrascht oder abgestoßen sein. Wer Garth Ennis kennt, ahnt eher, worauf er sich einlässt.

Die Crossed Monster Edition 1 und 2 sind schwere Bände, nicht nur vom Format her. Sie gehören in ein Regal für Leser, die wissen, dass sie mit solchen Inhalten umgehen können. Nicht zur Mutprobe. Nicht zur Sensationslektüre. Und schon gar nicht, weil man glaubt, man müsse das gelesen haben.

Ich bin froh, sie gelesen zu haben, weil ich sie nun besser einordnen kann. Noch froher bin ich, sie danach wieder zuklappen zu können.