BURGTURM

Von geil zu I guess: Wie sich Sprache verändert

Metallene Buchstabenschablone mit Alphabet auf einem Holztisch neben Schreibwerkzeugen.

Ich ertappe mich inzwischen selbst dabei. „I guess“ benutze ich öfter. Meistens eher als Gimmick, durchaus bewusst und manchmal ironisch. Aber es ist da. Auch „Malaka“ hat sich bei mir als Schimpfwort eingeschlichen.

Bei „View“ passiert mir das auf Reisen ständig. Da ist es wahrscheinlich recht einfach zu erklären. Ich spreche unterwegs fast täglich Englisch und irgendwann ist View einfach schneller im Kopf als Aussicht oder Ausblick.

Trotzdem frage ich mich, warum ich plötzlich Wörter benutze, die vor ein paar Jahren nicht zu meiner Sprache gehört haben.

Andererseits: So neu ist das alles gar nicht.

In den Achtzigern hatten wir unsere eigenen Wörter. „Cool“ war cool und „geil“ irgendwann geil. Ich weiß sogar noch, wie meine Eltern mich fragten, ob ich eigentlich wüsste, was „geil“ bedeutet. Ich muss ungefähr zwölf gewesen sein. Natürlich wusste ich es nicht wirklich. Es war eben das Wort, das wir benutzten. Meine Eltern erklärten mir die andere Bedeutung. Danach benutzte ich es trotzdem weiter.

Heute ist „geil“ dermaßen normal, dass sich darüber kaum noch jemand Gedanken macht.

Andere Wörter aus dieser Zeit würde ich heute dagegen nicht mehr benutzen. Begriffe, die damals auf dem Schulhof oder unter Freunden einfach so fielen und über die kaum jemand nachdachte. Heute sieht man das anders. Auch das gehört für mich zum Sprachwandel. Nicht alles, was verschwindet, ist ein Verlust. Und nicht alles Neue ist automatisch Sprachverfall.

Ich muss dabei auch an Schimanski denken. Am 28. Juni 1981 lief sein erster Tatort „Duisburg-Ruhrort“. Sein erster Satz: „Hotte, du Idiot, hör auf mit der Scheiße!“ Das war damals ein Ding. Heute dürfte sich bei dem Wort im Abendprogramm kaum noch jemand am Kaffeetisch verschlucken.

Was einmal als vulgär, albern oder jugendlich galt, kann ein paar Jahre später ganz normale Alltagssprache sein.

Vielleicht passiert gerade wieder genau das.

Manche Wörter verschwinden. Andere bleiben. Und einige benutzen wir irgendwann ganz selbstverständlich, ohne noch zu wissen, wann wir eigentlich damit angefangen haben.

Interessanter finde ich deshalb gar nicht die Frage, ob man so reden sollte. Sprache hat sich nie daran gehalten, was man mit ihr machen sollte.

Mich interessiert eher, was diese Wörter mit uns machen.

„I guess“ ist für mich eben nicht genau dasselbe wie „ich glaube“. „View“ fühlt sich manchmal anders an als „Aussicht“. Und auch ein hingeworfenes „Malaka“ hat einen anderen Klang als ein deutsches „Idiot“.

Wir übernehmen also nicht nur Wörter. Wir übernehmen ein Stück von der Umgebung, aus der sie kommen.

Früher waren das der Schulhof, Musik, Fernsehen oder die Clique. Heute kommen Internet, Reisen, Arbeit und Gespräche dazu, bei denen man ständig zwischen Sprachen wechselt.

Vielleicht rede ich deshalb heute manchmal anders als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Und vielleicht ist genau das ziemlich normal.

Sprache bleibt eben nicht stehen.

I guess.